BERNARDA ALBAS HAUS
„Das Beste kommt zum Schluss. Die letzte Schauspielpremiere der Spielzeit in Augsburg ist eine Theatersensation. Die Regisseurin Anne Lenk hat das Ensemble zu einer Höchstleistung angespornt und gleichzeitig Federico Garcia Lorcas Frauen-Familientragödie „Bernarda Albas Haus“ auf eine Weise sichtbar gemacht, dass einem immer wieder der Atem stockt: vor Begeisterung über so viel Tief- und Hintersinn, vor Erschrecken über so viel Abgründigkeit. Wenn sich der eiserne Vorhang hebt, beginnt die Überwältigung…Zum Vorschein kommt eine haushohe, die Bühne füllende Puppe: die Titelheldin, ein ins Unheimliche vergrößertes Mutter-Ungeheuer, neben dem jeder Mann nur als Erzeuger von Kindern seine Rolle findet, nie aber als Patriarch…Die Regisseurin Anne Lenk und ihre Bühnenbildnerin Halina Kratochwil tauchen das Stück in eine schwarz-weiße Welt, wobei der Hintergrund vollkommen dunkel ist und im Vordergrund lediglich die weiße Alba-Puppe zu sehen ist, auf der die jungfräulichen Töchter ihr Martyrium des vergeblichen Wartens ertragen. Ein Leben, in dem jedes Lachen sofort von einem umso bittereren Schweigen erstickt wird. Und in dem Maß, in dem über die drei Akte hinweg Kleidung abgelegt wird, in dem Maß treten die Abgründe der Figuren umso deutlicher hervor. Vor allem der Titelheldin wird eine völlig neue Facette gegeben. Als Mutterpuppe (wunderbar geführt und gesprochen von Martha Rudolf) erscheint Bernarda Alba nicht nur als hartherzige Täterin. In dem Augenblick, in dem man im zweiten Akt die Puppenspielerin inmitten der AlbaKonstruktion entdeckt, präsentiert die Regisseurin die Figur als eine Zweigeteilte. Nach außen hin ein überlebensgroßes Abbild, das nach dem Gesetz des Stärkeren lebt, innendrin ein Mensch mit zerbrechlich junger Stimme, der vor allen anderen das erste Opfer der Übermutter-Rolle geworden ist. Im letzten Akt, wenn die Puppe den Kopf sinnlich wiegt, wirkt sogar die Übermutter wie ein Opfer der Töchter, die zu schwach sind, um fortzugehen und sie dadurch zu erlösen. So öffnet sich ein überraschender Blick auf das Stück.“
Augsburger Allgemeine 21.04.2013
„Lorcas Hexe Bernarda wird nicht von einer Schauspielerin verkörpert, sondern thront als viele Meter hohe Puppe auf der Bühne. Eine spanisch katholische Übermutter im wahrsten Sinne des Wortes, die ihre sechs Töchterlein unterm traditionellen Spitzenrock als Gefangene hält. Im zweiten und dritten Akt, nachdem der beige Stoff von der Figur gezogen wurde, sieht man ihre aufwendige Konstruktion in der Form eines haushohen Reifrockes. Er dient den ebenfalls in Spitze gekleideten Töchtern als einziger Spielort. Weil ihnen in den acht Trauerjahren nichts anderes übrig bleibt, hocken sie auf den Eisenverstrebungen wie die Hühner auf der Stange und gackern Gehässiges und Geiles. Der Bühnenentwurf stammt von Halina Kratochwil.
Süddeutsche Zeitung 23.04.2013
„Langsam, unter Glockengeläute und sakraler Musik, hebt sich der Vorhang und in Erscheinung tritt – es verschlägt einem den Atem – Bernarda Alba: eine monumentale, die gesamte Bühnenhöhe einnehmende Spielpuppe – eine bizarre, madonnenhafte und entmenschlichte Gestalt. Aus dem Rock des (Un-)Wesens erstehen sechs Töchter, die – als wären sie an die Übermutter gekettet – nur auf, in und durch diese leben können. Die Puppe Bernarda Alba ist der einzige Spielraum ihrer Töchter. Was hier auf die Bühne gebracht wird, ist mitreißend und atemberaubend.