UNTER VERSCHLUSS
„…Pere Riera, in Barcelona schon feste Kultur-Größe und fürs deutsche Theater nach dieser Premiere als Entdeckung zu werten, schrieb eine von Sarkasmus umspülte Text-Partitur, in der jeder pointierte Dialog sein Geheimnis und jede ausgequetschte Erkenntnis ihren Widerspruch in sich mitschleppt. Ständig wollen die drei Figuren, Alpha Männchen gegen Karriere Frau, ihre wahren Gedanken verbergen und gleichzeitig den Gegner manipulieren. Latente Zimmer schlacht unter Dialog-Glitzerfolie, oft nah an Yasmina Rezas Giftküchen-Gedankendramatik. Regisseur Stephan Thiel vom Berliner „Theater unterm Dach spielt nicht vom Blatt, vertraut aber auf die Eigendynamik des geschliffenen Worts. In der neutralisierend trostlosen Studio-Atmosphäre (Bühnenbildnerin Halina Kratochwil spricht von einer „Zwischen zwei-Terminen Zone ) wird Sprache in Kampfposition gebracht, während das Unterbewusstsein für stumme Augenblicke des Kontrollverlusts albtraumartig in die Realität schwappt. Weder auf der Bühne noch im Parkett, wo man in der Erheiterung immer auch gleich ein wenig Fremdscham produziert, kann sich jemand seiner Gefühle sicher sein. Die aggressive Reporterin (schneidend scharf: Christine Mertens) taugt so wenig als ultimatives Opfer wie der kläffende Präsidenten-Assistent (überquellend vor Süffisanz: Gerd Beyer) als verbindlicher Kontrollfreak. Sie tasten nach Sprossen auf der Karriereleiter. Den Job des Sympathieträgers beherrscht hierarchisch exakt sowieso nur der Täter, und zwar unheimlich. Ob die Affäre letztlich ein Skandal ist und wie weitreichend die Folgen der Kompromiss Frivolität sind, kann die Aufführung – das ist ihr allergrößter Vorzug – tatsächlich in der Schwebe halten. Die Verunsicherung, der Treibstoff für die ganze Dreiecks-Geschichte, blieb auch nach dem Schlussbeifall, bei dem der angereiste Autor sein neues Publikum persönlich grüßte. Man war damit wohl auf beiden Seiten sehr zufrieden…